Montag, 30. Juli 2018

Abschied von der Globalisierung?


In den Samstag-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung sind zwei interessante Essays erschienen, die sich mit der Vergangenheit und der Zukunft des Welthandels und der Globalisierung beschäftigen.

Erst kommen Zölle, dann folgt der Krieg

Der Titel des Essays von Nikolaus Piper ist etwas provokativ, die Bedeutung von Frieden beim internationalen Handel kann aber sicher nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Seine Thesen: Wohlstand ohne Welthandel ist nicht möglich. Sein Verdacht: Nicht nur Trump hat das nicht verstanden. Er hofft, dass Globalisierungsgegner von rechts und links aus der Geschichte lernen
In der Vergangenheit haben Konflikte beim Handel zu Kriegen geführt, wie z.B. die Boston Tea Party. Handel zwischen Länder wiederrum hat nicht zu Wohlstand, sondern auch zu Frieden geführt.

Die Globalisierung macht auch Angst

Die Globalisierung im 19. Jahrhundert schaffte zwar Wohlstand, sie machte aber auch Angst, und sie half den Armen nicht. So entstand einerseits eine linke Arbeiterbewegung, andererseits eine militante, nationalistische, antiliberale und meist auch antisemitische Rechte, die den Schutz der heimischen Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz verlangte.

Internationale Zusammenarbeit nach dem 2. Weltkrieg

Nach dem Krieg entstanden Regeln für den internationalen Warenaustausch. Es entstanden der Internationale Währungsfonds IWF zur Versicherung gegen Zahlungsbilanzkrisen und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT, aus dem später die Welthandelsorganisation hervorging.

Entwicklung kippt nach dem Kalten Krieg

Der Autor sieht in Chinas Verhalten ein Grund für die gegenwärtige Krise
Am 11. Dezember 2001 wurde China Mitglied der WTO und genießt alle Vorzüge dieser Mitgliedschaft. Es hält in der WTO aber bis heute den Status eines Entwicklungslandes und praktiziert mit dieser Begründung einen protektionistischen Schutz der eigenen Industrie, der für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde längst nicht mehr akzeptabel ist. 
Die Vorwürfe von Trump sind also ein Stück weit berechtigt, so der Autor: Auch deshalb hatte die WTO auch schon vor Trump viel von ihrer Autorität eingebüßt.

Wiederholt sich die Geschichte?

Wie im 19. Jahrhundert hat der grenzenlose Handel eine militante Antiglobalisierungsbewegung hervorgerufen. Zunächst kam der Protest nur von links. Die "Schlacht von Seattle" 1999 wird auch heute noch in der Szene als Erfolg gefeiert. Inzwischen haben sich auch die Rechtspopulisten des Themas angenommen. Das "alte Modell der Globalisierung" habe ausgedient, sagte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán dem chinesischen Fernsehen. Und Trump ist dabei, die WTO vollends zu demontieren.

Abschied von der Welt-Wirtschaft

Ganz ähnlich argumentiert Jan Willmroth in seinem Essay Abschied von der Welt-Wirtschaft. Er sieht Anzeichen für eine De-Globalisierung und befürchtet einen katastrophalen Umbruch. Es geht nicht nur um Handel, sondern um die Zukunft internationaler Kooperation.

Die Ära der Globalisierung neigt sich dem Ende zu

Trotz aller Kritik hat die Globalisierung den Wohlstand in einem bisher nie gekannten Maße gemehrt. Nun droht ganzen Weltregionen eine Abwärtsspirale.
Die Gefahr, dass die Globalisierung in ihrer bisherigen Form nun enden könnte, ist eng verknüpft mit der Präsidentschaft von Donald Trump, in dessen Abschottungspolitik die stumpfe Gewalt eines Baseballschlägers auf die jahrzehntelang gewachsene Komplexität globaler Warenströme trifft.

Wie Piper sieht Willmroth den Beginn der Krise bereits im Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation: China nutzte eine billige Währung, erschwerte Ausländern den Marktzutritt und sperrte selektiv Importe aus. Diese doppelbödige Strategie wurde vielen Politikern zum Vorbild.
Den schwersten Schlag versetzte der Globalisierung aber ausgerechnet die globalisierten Finanzmärkte ab 2007. Hinzu kommt, dass sich für viele Menschen, z.B. die unteren Mittelschichten in den Industrieländern, das Wohlstandsversprechen der globalen Vernetzung nicht eingelöst hat.

Eine Handelsordnung für das neue Jahrtausend

Mit dem Autor ist zu hoffen, dass Trump und seine Mitstreiter die Welthandelsorganisation nicht beerdigen werden:
Vielleicht geschieht noch ein Wunder und es gelingt tatsächlich eine Reform, die eine Handelsordnung für ein neues Jahrhundert des Fortschritts begründet... Handelsschranken können Waffen sein, und wer diese einsetzt, wird sich auch anderer Methoden bedienen, sobald es ernst wird.

Freitag, 27. Juli 2018

Brexit - Kein Deal besser als ein schlechter?

Der Brexit wird kommen - leider 

Obwohl es mir schwerfällt, glaube ich nicht mehr an die Rücknahme des Brexits. Selbst wenn es ein erneutes Referendum gäbe – eine parlamentarische Mehrheit ist dafür derzeit nicht in Sicht – ist der Ausgang keineswegs gewiss und bei einem erneuten knappen Ergebnis wäre nichts gewonnen.

Die Tragödie um den Brexit geht weiter. Zwar ist mein „Lieblingspolitiker“ Boris Johnson nicht mehr im Amt, ob es wirklich besser wird, ist aber nicht ausgemacht. Es mehren sich die Stimmen, die vor einem Brexit ohne Abkommen warnen. Manche in Großbritannien scheinen sich diesen zu wünschen, aber das kann nicht ernst gemeint sein. Zwei Artikel belegen dies:

Katastrophe Folgen ohne Abkommen

In deinem Artikel in der ZEIT geht es laut Titel um die Frage, was passiert, wenn Großbritannien seine Schulden nicht zurückzahlt, aber in Wahrheit wären diese 50 Mrd. Peanuts im Vergleich zu den anderen Folgen.

Allein die zwangsweise Wiedereinführung des Zolls, die durch einen ungeordneten Austritt fällig wären, hätten fatale Folgen. Nicht so sehr, aber allein die Tatsache, dass zumindest stichprobenartig kontrolliert werden würde. Alleine zwischen Dover und Calais fahren jährlich etwa 2,5 Mio. LKWs.
Die Wirtschaftsprüfer von Deloitte haben ausgerechnet, dass VW, BMW und Mercedes bei einem harten Brexit mit deutlich weniger verkauften Autos und dadurch mit Umsatzeinbußen von rund 12,4 Milliarden Euro rechnen müssten. 18.000 Arbeitsplätze bei den deutschen Autobauern wären direkt bedroht. Es gibt bereits erste Forderungen nach einer Verlängerung der Verhandlungen, aber würde das wirklich zu einem Ergebnis führen?

Abhängigkeit sogar noch größer 

Immerhin hat Großbritannien einen Plan mit einigen interessanten Gedanken, über die man zumindest reden sollte. Allerdings, so Jochen Bittner in seinem Artikel „Paradoxer Staubsauger“ in der ZEIT würde das die Briten erst recht von Brüssel abhängig machen.

Es bleibt also spannend..

Donnerstag, 19. Juli 2018

Flüchtlingspolitik - "Was es mit uns macht, was wir mit ihnen machen"

Ein toller Artikel von Bernd Ulrich, der in der ZEIT über die Flüchtlingspolitik schreibt. In „Was es mit uns macht, was wir mit ihnen machen“ stellt er 15 Thesen zur Wende in der Asylpolitik auf.

Vier Monate Willkommenskultur - seit 31 Monaten geht es in die andere Richtung

Die Stimmung ist nach der Kölner Silvesternacht gekippt, nach Ulrichs Berechnung gab es damit vom 4. September 2015 gerade mal vier Monate eine linksliberale Hegemonie, seit 31 Monaten geht es aber in die andere Richtung: Positive Nachrichten über Flüchtlinge sind unerwünscht, Gewalttaten finden besonders dann öffentliche Beachtung, wenn sie einen muslimischen Hintergrund haben.

Durch den EU-Gipfel im Juni 2018 hat die EU einen großen Schritt in Richtung Abschottung gemacht und damit den vollzogen. Ulrich fragt, ob wir überhaupt noch einen Minimalkonsens haben und wie dieser aussehen könnte.

15 Thesen zur Flüchtlingspolitik

Was also macht es mit uns, was wir mit ihnen machen? Im Folgenden habe ich die aus meiner Sicht wichtigsten Punkte aufgelistet.

1. Flüchtlinge

Eine Gesellschaft darf aufteilen zwischen legaler und illegaler Flucht. Dennoch muss gelten: Was rechtlich illegal ist, kann dennoch menschlich legitim sein. Und ist es auch meistens.

2.    Wir müssen unsere Grenzen schützen

Ulrich kritisiert die Grenzschutzübung, bei dem Menschen in Not zu Invasoren umgedeutet werden: Plötzlich sind also wir die Menschen in Not – Verdrehung der Wirklichkeit, Umwertung der Werte, Nietzsche lacht in seinem Grab.

3.    Private Seenotretter sind schuld am Rechtsruck

Dieses Argument bewegt sich am Rande des Zynismus, solange staatliche Seenotrettung gewollt lückenhaft ist. Wie so oft in der Flüchtlingsdebatte trägt diese Behauptung eine noch gefährlichere Logik in sich, weil der Rechtsruck als quasi natürliche Reaktion auf schlecht kontrollierten Zustrom dargestellt wird.

4.    Integration ist eine Bringschuld

Das stimmt so nicht, denn natürlich kann Integration nur als Geben und Nehmen gelingen, als ein Wechselspiel von Bringschuld und Holschuld.

5.    Bekämpfung der Fluchtursachen

Meistens würde es schon genügen, wenn die Europäer, auch Deutschland, aufhören würden, Fluchtursachen zu sein, etwa mit ihrer Landwirtschafts- und Fischereipolitik. Das ist im Übrigen auch leichter, als nur Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen. Fluchtursachen bekämpfen bedeutet in Wahrheit oft: Wir meinen es gut, aber die Aufgabe ist so gigantisch, dass wir an ihr jederzeit scheitern dürfen.

6.    Die finale Lösung der Flüchtlingsfrage

Die Vorstellung, dass ein Problem dieser Größenordnung final lösbar sein könnte, ist völlig irreal. Mit Blick auf Wohlstand, Freiheit und Sicherheit sind die Verhältnisse zwischen Europa und seinem südlichen Nachbarkontinent derart ungleich, dass dieses Menschheitsproblem in einer immer enger zusammenrückenden Welt allenfalls leidlich geregelt, aber absehbar nicht gelöst werden kann.

7.    An der Asylfrage entscheidet sich die Zukunft des Landes

Dieses „Argument“ wurde ja in letzter Zeit oft bemüht. Hier verweist Ulrich darauf, dass mittlerweile nur noch auf die verbliebenen Defizite verweisen wird, sogar von Regierungsparteien:
Kommen weniger Flüchtlinge, wird einfach eine größere Lupe zur Hand genommen, relevant ist nicht mehr, was geschieht, sondern was als Geschehen empfunden wird. In Österreich ist man schon weiter und schiebt beinahe jedes Problem der Gesellschaft auf die Flüchtlinge, von der Rentenpolitik bis zur Wohnungspolitik.

8.    Ohne sie wäre alles besser

Es gibt ja wenig, wofür manche Leute die Flüchtlinge (und/oder Merkel) verantwortlich machen. Auch hier findet Ulrich die passenden Worte:
Zur Beurteilung der Flüchtlingspolitik wird oft ein imaginärer migrationsloser Zustand zum Kriterium erhoben. Demzufolge ist jedes Verbrechen, das von Migranten begangen wird, eines zu viel, weil es ja ohne sie nicht passiert wäre.

9.    Sie sind undankbar

St. Martin riskiert heute, wenn er seinen Mantel teilt, die Frage: Und was ist mit dem Pferd? Oder: Warum bist du eigentlich reich und ich nicht? Zu diesem gefühlten Mangel an Dankbarkeit gesellt sich eine Urangst der Europäer: die Furcht vor Vergeltung.

10.    Die da

Ulrich fordert ein Ende der Einteilung in „Wir und „Die da“.

11. Pull-Faktoren

Ja, Europa ist attraktiv: wirtschaftlich erfolgreich, demokratisch, frei. Neben den vielen Gründen das Heimatland zu verlassen (sog. Push-Faktoren) gibt es auch Pull-Faktoren, die für Migrant/innen anziehen sind. Ulrich warnt: Wer alle Pull-Faktoren beseitigen will, muss die EU zu einem abschreckenden Gebilde machen.

12.    Merkel hat die Grenzen geöffnet

Hat Merkel die Grenzen geöffnet oder „nur“ die Grenzen offen gehalten? Ulrich dazu: „Die Flüchtlingsdebatte bezieht sich in dieser Sicht weniger auf Gegenwart oder Zukunft als auf einen vermeintlichen Sündenfall in der Vergangenheit.“

13.    Die Deutschen haben wegen ihrer Vergangenheit ein schlechtes Gewissen

Auch bei diesem Abschnitt trifft Ulrich aus meiner Sicht den Nagel auf den Kopf:
Das Argument, Deutschland sollte wegen Auschwitz großzügig Flüchtlinge aufnehmen, bringen fast nur noch jene auf, die es sodann als moralische Zumutung brüsk zurückweisen. Deutschland ist eines der reichsten Länder dieser Erde, eine erfolgreiche Exportnation und versucht, zivilisiert und wertegebunden seinen Platz in der Mitte Europas auszugestalten. Man braucht keine Sekunde Vergangenheit, um eine humane und zugleich realistische Flüchtlingspolitik zu begründen, die Zukunft reicht völlig.

14.    Wir können nicht alle aufnehmen

Müssen wir auch nicht, weil nicht alle zu uns kommen wollen und werden. Dass der Satz dennoch immer wieder gesagt wird, dient dazu, eine immer rigorosere Flüchtlingspolitik als legitime Zurück-weisung eines monströsen moralischen Anspruchs zu stilisieren.

15. Man muss kühl draufblicken

Nein, müssen wir nicht, Mitgefühl ist wichtig. „Seehofers Nonchalance bei den 69 Abschiebungen zu seinem 69. Geburtstag zeigt, wie weit dieses Nichtfühlen schon kultiviert ist.“

Selten hat mich ein Artikel so begeistert, sauber argumentiert und ein Genuss, auch wenn man natürlich nicht allen 15 Thesen zustimmen muss.

Freitag, 22. Juni 2018

Der afrikanische Fluch?


In zwei Dossiers hat sich die ZEIT mit der Situation in Afrika beschäftigt.

Der afrikanische Fluch

Im Dossier Der afrikanische Fluch gehen Bastian Berbner, Malte Henk und Wolfgang Uchatius der Frage nach, warum so viele Menschen aus Afrika ihre Heimat verlassen wollte.
In ihren eindrucksvollen Berichten über Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste, Burkina Faso, Niger, Nigeria, Kamerun, Äthiopien und Botswana zeigen sie die gigantischen Unterschiede in der Entwicklung auf. Während die Zustände in einigen Ländern katastrophal ist, haben andere Staaten eine ganz erstaunliche Entwicklung hinter sich gebracht.
Als ein Erfolgsbeispiel beschreiben die Autoren Botswana, ein Land, das eine sowohl wirtschaftlich als auch politisch erfreuliche Entwicklung genommen hat: Die Einkünfte aus den Diamanten-Verkäufen wurden in die Entwicklung des eigenen Landes gesteckt, es herrscht eine demokratische Stammeskultur.

Bericht zu kurz gegriffen?

Scharfe Kritik an diesem Artikel kommt von Alexander von Paleke, der den Artikel in seinem Blog als zu „kurz gegriffen“ bezeichnet. Das Dossier benennt wichtige Ursachen für die Misere nicht, die ein schlechtes Licht gerade auf den Westen werfen,  insbesondere die Kriege auf dem afrikanischen Kontinent, in die der Westen direkt und indirekt stark verwickelt war. Die brutalsten Kriege fanden, anders als uns der Artikel glauben machen will, insbesondere auch von der Zahl der Opfer her, nicht in Westafrika statt, sondern in Angola und in der Demokratischen Republik Kongo. Millionen starben dort in sogenannten Stellvertreterkriegen.
Auch das Erfolgsbeispiel Botswana sieht er differenzierter. Diamanten sind kein strategischer Rohstoff, sondern ein nettes Anhängsel für die Reichen und berühmten. Dank eines Kartells konnte Botswana verhindern, dass Diamanten wie andere Produkte zu Schleuderpreisen auf dem Weltmarkt angeboten werden.

Wir brauchen einen afrikanischen Frühling

Im zweiten Teil Wir brauchen einen afrikanischen Frühling kommen verschiedene Expert/innen zu Wort. Die Überschriften zeigen, worum es geht. Hier sprechen die Zwischenüberschriften für sich.
"Wir brauchen einen afrikanischen Frühling"
"In Afrika gibt es keine Gegner, da gibt es nur Feinde"
"Viele Unternehmen haben ein negatives Bild des Kontinents"
"Die Menschen begreifen sich viel zu wenig als Gemeinschaft"
"Die Afrikaner müssen sich ihre Zukunft aus eigener Kraft erkämpfen!"

Auch diesen Teil kann ich sehr zur Lektüre empfehlen.

Freitag, 8. Juni 2018

Guckt euch doch mal an - ist Deutschland (mit)schuld am schlechten Ruf?

In der ZEIT haben Marc Brost, Matthias Krupa und Petra Pinzler einen interessanten Artikel geschrieben: Guckt euch doch mal an. Die These: Die Deutschen sind nicht schuldlos an der Wut, die ihnen entgegenschlägt.

Die Ereignisse vom Sommer und Herbst 2015


Die Ereignisse um die Griechenland-Rettung im Juni und die Aufnahme der Flüchtlinge im September 2015 stehen dafür exemplarisch – so die Autoren: 

Im Juni 2015 zum Beispiel hat die Europäische Union, angetrieben von der deutschen Regierung, den Griechen ein rigoroses Sparprogramm aufgedrückt. Für die Deutschen war das bloß die Exekution ihrer Prinzipien, für den gesamten Süden der EU war es: deutsche Dominanz. Nur sieben Wochen später, am 4. September, beschloss die Bundesregierung über Nacht, die europäische Flüchtlingspolitik auf den Kopf zu stellen. Für die Deutschen war das angewandter Humanismus, für viele andere war es: deutsche Dominanz. Und doch gelang es der Berliner Politik und der Öffentlichkeit in jenem schicksalhaften Sommer problemlos, zu abstrahieren. Wo die anderen einen Zusammenhang sahen, erkannte man hierzulande bloß zwei disparate Krisen.

Deutschland ist Spitzenreiter bei Vertragsverletzungen 


Ein weiteres Problem, das die Autoren ansprechen: Deutschland hat europaweit die meisten Vertragsverletzungsverfahren – v.a. im Bereich Umwelt. „Zur Selbstgerechtigkeit kommt deshalb nicht selten der Vorwurf moralischen Hochmuts. In der Flüchtlingspolitik genauso wie beim Klimaschutz.

Über eigene Fehler nachdenken

Deshalb kann ich auch die abschließende Forderung voll nachvollziehen: über eigene Fehler nachdenken!

Würde Deutschland also die Kritik der Nachbarn nicht immer gleich vom Tisch wischen und die Widersprüche der eigenen Positionen zur Kenntnis nehmen und, mit anderen Worten, anfangen, über seine eigenen Fehler nachzudenken, statt Hausaufgaben zu verteilen – dann würde das Europa und die Europäische Union schon sehr verändern.


Samstag, 26. Mai 2018

Der Brexit spaltet die Gesellschaft

In zwei Kommenaren in der Süddeutschen Zeitung beschäftigt sich Björn Finke mit der Politik von Theresa May - und kritisiert sie scharf.

Eigene Handelsverträge keine Alternativen 

In Teurer Traum zeigt er, dass es gar nicht sicher ist, ob Großbritannien überhaupt eigene Handelsverträge schließen kann, von denen die Befürworter des EU-Austritts schwärmen. Je nach Ergebnis der Austrittsverhandlungen könnte dies möglich sein, sie werden aber den drohenden Verlust des Handels mit der EU nicht ausgleichen können.
In Die Rosenpickerin behandelt er die Diskussionen über eine umfassende Zollunion:
Das würde nicht nur die Iren freuen, sondern auch die britische Exportindustrie. Allerdings wären die Brexit-Fans im Kabinett entsetzt, denn als Mitglied einer Zollunion kann Großbritannien keine eigenen Handelsverträge mit Staaten wie den USA abschließen. Außerdem müsste das Land Standards beachten, auf die es keinen Einfluss hat.

Die Spaltung der Gesellschaft und des Landes

Jeremy Adler, britischer Dichter und früher Professor am King's College sieht in seinem Beitrag Die Zerreißprobe sogar die Einheit Großbritanniens in Gefahr.

Regionen wie Edinburgh befinden sich bereits in einem Machtkampf mit London, denn sie wollen lieber direkt mit Brüssel verhandeln. Auch Wales hat dafür gestimmt, seinen eigenen Weg zu gehen. Besonders riskant ist die Situation in Nordirland. Die Administration dort ist zur Zeit des Amtes enthoben. Findet die britische Regierung für das Verhältnis zu Irland nach dem Brexit keine vernünftige Lösung, vor allem dafür, wie die Grenzen geregelt werden, dann droht dort Gewalt.
Am Ende des Brexits könnte dann statt eines entfesselten Großbritanniens ein vielfach aufgeteiltes Land stehen. Zerstückelt, wie einst König Lear sein Reich zerstückelt hat.

Freitag, 11. Mai 2018

Soll die EU weitere Mitglieder aufnehmen?

Sollte die EU weitere Mitglieder aufnehmen? Bedenken gibt es nicht nur über Beitrittskandidaten, Zweifel sind auch angebracht, ob die Europäische Union im Moment in der Lage ist, weitere Mitglieder zu verkraften.
Während man bei der Türkei noch fragen kann, ob sie aufgrund geographischer Lage überhaupt ein Beitritt gerechtfertigt ist, ist die Frage der Zugehörigkeit zu Europa bei den Westbalkan-Staaten eindeutig.

Länder, die ihre Hoffnung auf Europa richten

In einem Dossier in der Süddeutschen Zeitung, das auch online aufgerufen werden kann, berichten die Reporter über ihre Reise durch sechs Länder, die ihre Hoffnung auf Europa richten – und die vielleicht auch Europa Hoffnung geben könnten.

Die Beitrittskandidaten

Neben den anschaulichen Erzählungen sind auch die politischen und ökonomischen Daten interessant:

Laufende Verhandlungen 

Bei zwei Ländern laufen die Verhandlungen bereits, 2025 ist das Zieljahr für den Beitritt.

Serbien
Einwohner: 7 Millionen
Durchschnittsalter: 42,9 Jahre
Bruttoinlandsprodukt: 12 159 Euro pro Kopf


Montenegro
Einwohner: 623 000
Durchschnittsalter: 37,7 Jahre
Bruttoinlandsprodukt: 14 052 Euro pro Kopf

Kandidatenstatus

Zwei weitere Länder haben den Kandidatenstatus, es laufen aber noch keine Verhandlungen

Mazedonien
Einwohner: 2,1 Millionen
Durchschnittsalter: 37,4 Jahre
Bruttoinlandsprodukt: 12 316 Euro pro Kopf

Albanien
Einwohner: 2,9 Millionen
Durchschnittsalter: 36,2 Jahre
Bruttoinlandsprodukt: 9612 Euro pro Kopf

Potentielle Kandidaten

Zwei Länder sind potentielle Kandidaten – sie haben sicherlich noch einen weiten Weg vor sich

Kosovo
Einwohner: 2,9 Millionen
Durchschnittsalter: 36,2 Jahre
Bruttoinlandsprodukt: 9611 Euro pro Kopf

Bosnien-Herzegowina
Einwohner: 3,5 Millionen
Durchschnittsalter: 40,9 Jahre
Bruttoinlandsprodukt: 9245 Euro pro Kopf

Westbalkan-Staaten aufnehmen - trotz aller Probleme

Allein der Vergleich zum durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt der EU (32.700 Euro im Durch-schnitt – von 92.800 in Luxemburg bis Bulgarien 7100 Euro) zeigen die Probleme.
Peter Münch argumentiert in einem Kommentar für die Süddeutsche, dass die EU trotz aller Schwierigkeiten die Länder auf dem Westbalkan nicht weiter hinhalten darf.
Mit der Hoffnung wird gegenüber den Balkanstaaten bereits seit 2003 Politik gemacht. Damals wurde ihnen bei einem Treffen in Thessaloniki schriftlich zugesichert, dass ihre "Zukunft in der Europäischen Union liegt".

Wenn wir uns nicht kümmern, machen es andere

Zurecht verweist Münch darauf, dass die EU längst nicht die einzige Kraft ist, die auf dem Balkan präsent ist:
Russland, die Türkei und auch China zeigen zunehmend Flagge, sichern sich Zugriff auf Märkte, investieren in die Infrastruktur und bauen ihren politischen Einfluss aus.
Die EU-Erweiterung in Richtung Balkan ist also kein Gnadenakt, sondern eine geopolitische Notwendigkeit, wenn es die EU ernst meint mit ihrem Anspruch auf eine friedliche Vereinigung des Kontinents.