Angesichts der Annäherung von Kanada und der EU schwärmt Felix Stephan in der Süddeutschen Zeitung von der EU als dem interessantesten politischen Projekt der Welt.
Kanada wendet sich von den USA ab und Europa zu
Nachdem die Amerikaner gefordert haben, die Förderung der französischen Sprache einzustellen, hat Kanada Verhandlungen abgebrochen und sich der EU zugewandt. Für den Autor reagiert die EU überraschend teilnahmslos auf diese erstaunliche Entwicklung. Die EU wirkte unter dem Dauerfeuer der technolibertären Rechten mürbe und ermattet. Dabei könnte sie der Weltmacht USA ihren mit Abstand wichtigsten Handelspartner abspenstig machen. Viele Kanadier wünschen sich eine engere Zusammenarbeit mit den Europäern, manche sogar einen Beitritt.
Eine Allianz der Mittelmächte
Mark Carney gilt als der beliebteste Regierungschef des Westens. In seiner Rede vor dem Europäischen Parlament verwies er auf die historische Wende. 250 Jahre lang führten die globalen Migrationsrouten weg von Europa in die USA. Die USA haben sich in ein Land verwandelt, das gefürchtet werden will, um sich seiner Stärke zu versichern
Im Januar hatte Carney in Davos bereits eine bedeutende Rede gehalten, in dem er eine globale Allianz der Mittelmächte forderte. Zusammenschließen sollten sich Staaten, die auch weiterhin an internationaler Kooperation, offenen Gesellschaften und einer aufklärerischen Wissenschaft interessiert sind.
Liberalismus europäischer Prägung
Viele sehen diesen den Liberalismus europäischer Prägung kritisch. Der Bankmanager Dimon sprach von einer Fantasie und verwies auf den Rückstand, den die EU im Vergleich zu den USA hat. Neben der Finanzelite zielt auch die großen Techunternehmen in eine andere Richtung: eine digitale, konzerngeführte Herrschaftsstruktur, die auf die Zustimmung etwaiger Parlamente nicht mehr angewiesen ist. Elon Musik hat in seiner kurzen Amtszeit den öffentlichen Sektor massiv abgebaut, allerdings kosten dies den Staat allein 2025 10 Milliarden Dollar. Für den Liberalismus europäischer Prägung garantieren staatliche Institutionen hingegen die Freiheit des Einzelnen. Kanada steht dem Modell deutlich näher und die damit auch den Regeln, die von populistischen Parteien als Ursprung des Niedergangs beklagt werden
Magdeburg verloren aber Toronto gewonnen
Die EU bezeichnet China als „wirtschaftlichen Partner, aber systemischen Rivalen“. Mittlerweile beschreibt dies auch das Verhältnis zu den USA. Carney zeichnete vor dem Europäischen Parlament einen Weg der engeren Zusammenarbeit – vom Studentenaustausch zum Handel mit seltenen Erden. Zum ersten Mal drängt eine ehemalige europäische Kolonie zurück in den Kreis der europäischen Staaten, dieses Mal auf Augenhöhe. Das liberale Europa mag Magdeburg verloren, dafür aber Kanada gewonnen. „Von einem Tag auf den anderen ist die Europäische Union auf einmal wieder das interessanteste politische Projekt der Welt.