Dienstag, 26. August 2025

Lektionen in Trumpologie

Reymar Klüver kommentiert in der Süddeutschen Zeitung  den Besuch von acht europäischen Spitzenpolitikern im Weißen Haus: Die Europäer haben ihre Lektion in Trumpologie gelernt. 

Was für ein Aufmarsch! 

Drei Präsidenten, zwei Premiers, ein Kanzler, zwei Chefs großer Organisationen im Weißen Haus. Der Gastgeber hält diesen Aufmarsch für eine Ehrerbietung, andere für Schleimerei – dazu mehr im zweiten Teil. Zurecht nannte Trump dieses Treffen historisch, denn außerhalb von Gipfeltreffen westlicher Nationen kamen noch nie soviele Anführer zusammen, 
Das Ziel der sechs Männer und zwei Frauen: die USA an der Spitze des Westens zu halten – damit sie sich gemeinsam Russland erwehren können. 

Noch nicht viel erreicht 

Es gab keinen Eklat, aber eine wirkliche gemeinsame Linie konnte nicht erreicht werden: Sie konnten ihn nicht überzeugen, sich der Forderung nach einem Waffenstillstand anzuschließen, aber immerhin sind Sicherheitsgarantien im Gespräch. Von einer NATO-Mitgliedschaft für die Ukraine war nicht mehr die Rede. 

Trump hat Bewegung in die Sache gebracht 

Bei aller Kritik an seinem Vorgehen lobt der Autor Trump in einem Punkt: Mit seinem ahnungslos hemdsärmeligen Deal-Making hat er immerhin Bewegung in die diplomatischen Bemühungen gebracht, das Blutvergießen in der Ukraine zu beenden. Für die Europäer gilt – so schwer es auch fällt: Der Clown im Weißen Haus muss ernst genommen werden.

Die Normalisierung des Schleimens

Im SPIEGEL-Liveticker zu diesem Treffen schreibt Mathieu von Roh über die Normalisierung dieses Schleimens. Er findet es „bemerkenswert und verstörend, wie sehr sich unter Donald Trump die Notwendigkeit normalisiert hat, den amerikanischen Präsidenten öffentlich mit Schleimereien zu überziehen.“
Es erinnert an das Zeitalter der Monarchie: Dem König muss gehuldigt werden. Die Europäer haben die „Trumpologie“ gelernt: Sie loben und loben – auch wenn sie ihm nachher widersprechen. Auch von Rohr sieht kaum eine Alternative, betont aber „Etwas Unwürdiges hat es.“

Freitag, 15. August 2025

Ist der Zoll-Deal gut oder schlecht für Europa?

Bei der Bewertung des Deals zwischen der EU und den USA gab es viel Kritik. In diesem Blog stelle ich zwei unterschiedliche Bewertungen vor. Den Inhalt beschreibt ein interessanter Artikel in der ZEIT

Dieser Deal ist ein schlechter Deal für Europa

Alexander Mühlauer bewertet in der Süddeutschen Zeitung den Deal negativ: Ursula von der Leyen musste sich Donald Trump beugen, weil er der Stärkere ist – und weil die EU-Vertreter in den vergangenen Wochen hasenfüßig waren. So kommt man gegen diesen Präsidenten nicht an.

Mitgliedstaaten wie ein nervöser Hühnerhaufen 

Der Autor kritisiert die EU Staaten, denn sie haben es einfach über sich ergehen lassen. Nachdem Trump im April am Tag der Befreiung Zölle angekündigt haben, verhielten sich ein Großteil der 27 Staaten wie ein nervöser Hühnerhaufen. Sie waren sich uneins, handelten aber nicht. Zwar bereiteten sie Vergeltungszölle vor, man wollte Trump aber nicht provozieren. Die deutschen Autokonzerne wollten selber verhandeln, Merz forderte öffentlich einen schnellen Deal. Damit untergruben sie die Autorität der EU-Kommission. Erst als Trump mit 30 Prozent drohte, wurde ernsthaftere Maßnahmen diskutiert – zu spät. 

Trump braucht die Zolleinnahmen für seine Staatskasse

Beim Treffen in Schottland ging es nur noch um Schadensbegrenzung – Trump braucht die Zolleinnahmen für die US-Staatskasse, die EU wollte noch höhere Zölle verhindern. 
Es ist ein Deal um des Deals willen. Nicht mehr, nicht weniger. Unklar ist auch, wie lange der Deal hält, denn es nur eine Rahmenvereinbarung. Die Unternehmen haben Sicherheit, die Kosten werden aber wohl auf amerikanische Kunden weitergeben. Was danach kommt weiß niemand, vermutlich nicht einmal der US-Präsident. 

USA haben sich vom regelbasierten Welthandel verabschiedet 

Fest steht für den Autor nur: Die USA haben sich vom regelbasierten, freien Welthandel verabschiedet. Es gilt des Recht des stärkeren. Die EU müssen sich den Kauf von Erdgas und Militärgütern freikaufen. Die EU können sich nicht mehr auf die USA verlassen. Der Auotr fordert deshalb, dass die EU weltweit Handelsabkommen mit anderen Ländern vorantreiben soll. Außerdem sollte sie mehr auf ihren Binnenmarkt vertrauen und bei weiteren Konflikten Steuern gegen US-Konzernen wie Amazon oder Meta verhängen. . Tut sie das nicht, wird es auch in Zukunft zu Deals kommen, die vor allem für eines stehen: ihre Hasenfüßigkeit.

Von der Leyen hat Trump gleich dreimal ausgetrickst

Wesentlich positiver bewertet Christian Masengarb im Focus den Zolldeal. Er meint, dass die EU einen guten Deal ausgehandelt hat und sich viele Vorteile erst auf den zweiten Blick zeigen. 

Zahlen, die das Papier nicht wert sind 

In dem Papier verspricht die EU 750 Milliarden in Energie und weitere 600 Mrd. in andere Güter weitere 600 Mrd. zu investieren. Diese Zahlen gefallen Trump, sind aber völlig unrealistisch: Für die Energie müsste die EU ihre Importe verdreifachen, angesichts der notwendigen Infrastruktur unrealistisch. Die Ausführen müssen von Privatfirmen kommen, die die EU kaum beeinflussen kann. 
Auch die Forderung, dass die EU keine Regeln gegen Tech-Konzerne beschließen darf, kommt in dem Abkommen nicht vor. 

Von der Leyen hat Trump auch bei den Zöllen ausgetrickst

Der Autor sieht die EU auch bei den Zöllen auf der besseren Seite. Die hohen Zöllen werden die US-Verbraucher zahlen müssen, die Yale Universität schätzt 2400 Euro pro Haushalt. Das Geld geht an den Staat, der aber vor allem die reichsten Amerikaner entlastet. Für die EU-Bürger bleiben US-Waren gleich teuer oder werden sogar günstiger. Die Zölle sind also keine Niederlage . die EU vertrat die Interessen ihrer Bürger – das ist ein Sieg. Die USA erwarten jedoch laut Experten „weniger Konsum, weniger Wachstum, weniger Jobs, weniger Gewinn." 

Von der Leyen hat Trump auch wirtschaftspolitisch ausgetrickst

Der Schaden bleibt gering – selbst für Deutschland machen die Zölle weniger als 1 % des BIP. Handelsabkommen mit anderen Ländern könnten dies ausgleichen, außerdem könnte sie endlich die Reform des EU-Binnenmarkts voranbringen. 
Die USA kann sich kaum umorientieren, da sie mit fast allen Ländern über Handelsabkommen streitet. China kann die USA bisher gar nicht beeinträchtigen, zu groß ist die Abhängigkeit. Dies wird für die USA weitere Belastungen bedeuten. 

Kurzfristiger Schaden, langfristiger Vorteil 

Der Handelskrieg ist für ei EU kurzfristig nicht zu gewinnen – langfristig sieht es anders aus. Deshalb ist es gut, dass der Schaden begrenzt wurde und Trump mit leeren Versprechen abgespeist wurde. Die Gefahr, dass die Nato-Beistandspflicht aufweicht ist damit auch gebannt. 

Der Rest des Treffens wird bald ohnehin bald bedeutungslos. 

Der Rest dieses Treffens verschwindet bald in der Bedeutungslosigkeit: Schon die Darstellung der USA unterschied sich von der EU. Wahrscheinlich wird Trump noch einige Drohungen aussprechen. EU-Politiker werden noch oft lächeln müssen, während Trump sie demütigen will. Solange dabei ähnliche Abkommen entstehen wie derzeit, ist Europa dennoch auf einem guten Weg.

Zölle und Trump in meinen Seminaren 

In meiner Seminarliste gibt es einige Seminare zu diesen Themen. Im Bereich Wirtschaft biete ich Seminare zu Zöllen und der Handelspolitik. Aspekte zu Europa und der Politik von Trump finden Sie in den Rubriken EuropaStaaten und Regionen und Internationale Politik.  

Dienstag, 22. Juli 2025

Streit um den EU-Haushalt: Sollte uns die EU zwei Billionen wert sein?

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Pläne der Kommission für den Haushalt der Jahre 2028 bis 2034 und kritisiert die heftige Reaktionen: Es geht um das Überleben der EU. Das sollte auch zwei Billionen Euro wert sein.

Alle gegen von der Leyen 

In einem Artikel stellen mehrere Autoren die Pläne der Kommission vor. Die Kommissionspräsidentin hatte für die Jahre 2028 bis 2035 zwei Billionen Euro gefordert – heftige Kritik geerntet. Es werden zähe und lange Verhandlungen. 

Warum will die EU so viel mehr Geld?

Einige sind sich die meisten, dass die EU inmitten der globalen Verwerfungen wettbewerbs- und verteidigungsfähig werden muss. Die nationalen Regierungen fordern mehr Zuschüsse, aber niemand will mehr Beiträge zahlen oder Kürzungen akzeptieren. Dabei sind die Zahlen fast identisch zum letzten Zeitraum: In den Jahren 2021 bis 2027 gab es ein reguläres Budget von 1,2 Billionen, das durch 800 Milliarden aus dem schuldenfinanzierten Corona-Wiederaufbaufonds ergänzt wurde. Allein die Rückzahlung der Zinsen wird jährlich 20 bis 30 Milliarden Euro kosten.

Muss Deutschland mehr zahlen?

Bisher zahlen die Mitgliedstaaten zwei Drittel des Budgets, als größtes und wirtschaftsstärkstes Land trägt Deutschland davon ca. 25 %. Dieser Betrag soll gleich bleiben, allerdings sollen die Eigenmittel der EU erhöht werden, unter anderem durch eine Besteuerung großer Unternehmen und eine höhere Tabaksteuer. 

Warum schlägt von der Leyen so viel Unmut entgegen?

Der Unmut richtet sich vor allem gegen die geplante Auflösung der beiden größten Töpfe, die Förderung von Landwirtschaft und Regionen. Zukünftig soll es nur noch drei Töpfe geben: 

  • Global Europa soll mit 200 Milliarden die Außenpolitik der EU unterfüttern und auch Hilfen für die Ukraine enthalten 
  • Wettbewerbsfähigkeit: Mit 410 Mrd. sollen Investitionen und Europas Wettbewerbsfähigkeit gefördert werden 
  • Der Topf „Nationale und Regionale Partnerschaften" soll mit 865 Milliarde die bisherigen Agrarsubventionen und Förderung der Regionen beinhalten. 


Was verbirgt sich hinter dem Umbau der Agrartöpfe?

Die Agrarförderung ruhte auf zwei Säulen, - der erste finanzierte direkte Stützungszahlungen an Landwirte – teilweise an Umweltauflagen gekoppelt, Die zweite finanziert regionale Programme und den Ökolandbau. Diese sollen nur zusammengefasst werden. Die Stützungsleistung sollen sind nicht mehr vorrangig an der Fläche orientieren. Die Zahlen würden insgesamt sinken. Zusätzlich sollen die Mitgliedstaaten über nationale Pläne mehr schultern, etwa bestimmte Umweltleistungen – was der ursprünglichen Idee zuwiderläuft, in Europas Landwirtschaft ähnliche Bedingungen herzustellen.
Aber auch die Umweltverbände sind nicht zufrieden, da das EU-Umweltprogramm Life gestrichen wurde. Durch die Abgabe der Verantwortung für Biodiversität, Klima und Tierschutz an die Mitgliedstaaten, befürchten sie Rückschritte. 

Warum lehnt Deutschland den Haushaltsentwurf ab?

Die Bundesregierung lehnt die höheren Beiträge und die neuen Finanzierungsquellen ab, er wendet sich vor allem gegen die Besteuerung größerer Unternehmen. Auch aus Bayern kommt scharfe Kritik, da weniger Mittel für Landwirtschaft und Regionen fließen. Außerdem sollen die Nationalstaaten gegenüber den Regionen gestärkt werden. 

Wer sind die größten Gewinner im Haushaltsentwurf?

Die Wettbewerbsfähigkeit soll durch einen neuen Topf gestärkt werden, die Ausgaben für „Verteidigung und Raumfahrt“ werden verfünffacht. Mehr Geld gibt es auch für Forschung und Innovation, sowie das Erasmus-Programm, das Studierenden Auslandsaufenthalte ermöglicht. 

Wie geht es nun weiter?

Es wird ein heißes Ringen geben, am Ende müssen alle 27 Regierungen und das Parlament mit absoluter Mehrheit zustimmen. Der Widerstand gegen die Umschichtung und Kürzung der Agrar- und Regionalförderung ist so groß, dass sie kaum Bestand haben dürfte. Angeführt von Frankreich dürften zudem viele Staaten die Idee propagieren, wieder gemeinschaftlich Schulden aufzunehmen.

Die EU sollte uns zwei Billionen wert sein 

Josef Kelnberger kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die Pläne: Es geht um das Überleben der EU. Das sollte auch zwei Billionen Euro wert sein.

Pauschale Ablehnung aus Feigheit vor dem populistischen Feind 

Der vorgeschlagene Haushalt ist ein Fest für Populisten: Bauern, die bluten müssen, damit mehr in die Ukraine fließt, Raucher, die bald zwölf Euro pro Schachtel zahlen müssen. Dabei hat von der Leyen einen schlüssigen Plan vorgelegt mit einem Schwerpunkt auf der Verteidigungsbereitschaft Europas und der Modernisierung der europäischen Wirtschaft. Es ist auch in Ordnung, die Förderung von Landwirtschaft und Regionen im bisherigen Umfang zu hinterfragen. Sie nimmt für sich in Anspruch, Europa mit dem Haushalt inmitten von weltpolitischen Turbulenzen zukunftsfest zu machen. 

Widerstand von allen Seiten 

Die meisten Regierungen lehnen den Plan ab, weil zwei Billionen zu viel seien. Das Europaparlament hat seinen Widerstand angekündigt, ebenso fast alle Interessengruppen. Dabei müsste allen klar sein, dass Europa mehr investieren muss, um gegen die Bedrohung durch Russland, die Konkurrenz zu China und die Abkehr der USA zusammenzuschweißen. Die Quadratur des Kreises ist ein Kinderspiel im Vergleich zur Aufgabe, unter diesen Umständen einen vernünftigen Haushalt aufzustellen.

Subventionen ohne Abstriche sind nicht die Lösung 

Es könnte erneut zu einer Welle der Bauernwut kommen. Sollte sich der Eindruck verfestigen, Brüssel lasse den ländlichen Raum im Stich, wäre das ein Fest für die Rechten. Die Lösung kann aber nicht sein, den Status quo in Beton zu gießen und einer einzelnen Berufsgruppe, so wichtig sie zweifellos ist, auf viele Jahre hinaus die Subventionen ohne Abstriche zu garantieren.
Aus der pauschalen Ablehnung des Haushalts, wie sie diese Woche in Berlin formuliert wurde, spricht jedenfalls die Feigheit vor dem populistischen Feind.

Meine Angebote zu Europa 

Zum Thema Europa biete ich Seminare zu unterschiedlichen Aspekten der EU, u.a. die Zukunft und die Rolle in der Welt. In Staaten und Regionen im Fokus stehen einzelne Staaten und ihr Verhältnis zur EU im Mittelpunkt. 

Mittwoch, 11. Juni 2025

Europa: Verteidigung, Asyl, Klima – Mut ist gefragt

Josef Kelnberger fordert in der Süddeutschen Zeitung von der EU Mut, um ein eigenständiges Europa aufzubauen. 

Verzagtheit nach der polnischen Präsidentschaftswahl 

Der Besuch von Friedrich Merz, Donald Tusk, dem britischen Premier Keir Starmer und dem französischen Präsidenten Macron Mitte Mai schien zu zeigen: Das freie Europa lernt jetzt endlich, auf eigenen Beinen zu stehen. Der Sieg des rechtspopulistischen Kandidaten Karol Nawrocki bringt diese Harmonie in Gefahr: Bricht Polen Weg, geriete die EU ernsthaft ins Wanken.

Mut statt Verzagtheit

Es könnte noch schwieriger werden. 2027 könnte die PIS durch einen Sieg bei den Parlamentswahlen wieder uneingeschränkt herrschen, außerdem stehen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich an. Deshalb fordert der Autor Mut statt Verzagtheit. Die Eu muss eine gemeinsame Verteidigungspolitik auf den Weg bringen – unabhängig von den USA. Eine wichtige Rolle kommt dabei Deutschland zu, denn kein anderes Land kann das Geld für die nötige Aufrüstung auf den Tisch legen.
Ebenso muss die Asylrechtsreform umgesetzt werden, die nur funktionieren kann, wenn die Staaten einander vertrauen, statt sich mit Binnengrenzkontrollen voneinander abzuschotten.

Mehr Europa heißt nicht zwingend mehr Brüssel

Donald Tusk hat immer wieder versucht sich gegen die EU zu profilieren – bei Fragen der Migration ebenso wie in der Klimapolitik. Gelohnt hat sich diese Verzagtheit nicht! Mehr Europa heißt dabei nicht zwingend mehr Regulierung. Derzeit geht es um eine Entbürokratisierungsoffensive und auch bei der Klimapolitik könnte ein Neujustierung erfolgreich sein. 

Entschiedenes Vorgehen gegen Ungarn und die Slowakei 

Für die meisten Menschen bleibt der Nationalstaat Bezugspunkt für demokratische Legitimation in Europa. Deshalb müssen auch die Nationalstaaten aktiv werden, wenn es gilt den Abbau der Demokratie in Ungarn und der Slowakei zu begegnen. Denn, so der Autor, Die Menschenrechte, die Unabhängigkeit der Justiz und die Freiheit der Medien zu verteidigen, zeugt nicht von der Übergriffigkeit irgendwelcher europäischer Eliten. Das gebietet der schiere Selbsterhaltungstrieb eines Europas, das sich als freiheitlich-demokratische Gemeinschaft begreift.

Mittwoch, 21. Mai 2025

Fünf Jahre nach dem Brexit: EU und Großbritannien nähern sich wieder an

Michael Neudecker beschreibt und kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die Annäherung Großbritanniens an die EU.

EU und Großbritannien nähern sich wieder an

Im Artikel beschreibt Michael Neudecker die wichtigsten Punkte des Abkommens.

Streit um Fische und Würste

Das verhandelte Paket umfasst verschiedene Themen wie Sicherheit und Verteidigung, Zusammenarbeit der Geheimdienste oder einfache Visa für Studenten. Am heftigsten gestritten wurde aber über Fische und Würste. Der Umgang mit Lebensmittelsicherheit und die Kontrollen waren oft ein Ärgernis. Vereinbart wurden nur vereinfachte Kontrollen. Im Gegenzug wurde der Zugang von EU-Fischern zu britischen Gewässern um 12 Jahre verlängert. Die Fischerei macht gerade mal 0,04 Prozent des britischen Bruttoninlandsprodukt aus, dennoch kritisierte die Opposition diese Einigung als Verrat an britischen Interessen.

Partner und Freunde

In den turbulenten Tory-Jahren ging viel Vertrauen zwischen Brüssel und London verloren. Dies scheint jetzt wieder zu entstehen – auch auf der persönlichen Ebene klappt die Zusammenarbeit. Dies gilt für die Verhandler des Abkommens ebenso wie die Annäherung zur Ukraine. Hier haben Starmer und Macron eine zentrale Rolle eingenommen. Gemeinsam mit Bundeskanzler Merz sind sie erneut in die Ukraine gereist und die gemeinsame Solidarität zu zeigen.

Es gibt Wichtigeres als Streitereien

In einem Kommentar lobt Michael Neudecker die Annäherung über die künftigen Beziehungen. Es gibt jetzt einfach Wichtigeres als Streitereien wie nach dem Brexit.

Erleichterung auf beiden Seiten

Die Verhandlungen erinnerten an den Brexit: Stundenlanges Verhandeln, Ringen um einzelne, kurios anzumutende Punkte, aber am Ende war es geschafft: ein umfassendes Abkommen zwischen Großbritannien und der EU. Dazu beigetragen haben die neue Regierung, die offener und kompromissbereiter ist, aber auch Trump und Putin: Die Annäherung der so lange so heftig streitenden Scheidungsparteien ist auch ein wichtiger Erfolg politischer Diplomatie. 

Zweifel bleiben

Noch weiß niemand, ob die ausgehandelten Details in der Praxis funktionieren. Die britische Opposition aus Tories und Reform UK schimpfen über die vermeintliche Unterwerfung, die sie rückgängig machen wollen, sobald sie an der Macht sind. Es gibt wichtigere Themen, denen sich beide Partner widmen müssen. Neudecker ist aber nicht sicher, ob Starmer an der Annäherung an der EU festzuhält, da er bisher nicht für seinen Mut aufgefallen ist: Der Umgang mit der EU bietet ihm eine gute Möglichkeit, das zu ändern.

Mittwoch, 16. April 2025

Europa: Es ist höchste Zeit für Selbstkritik

Ijoma Mangold kritisiert in der ZEIT  Europa. Es ist höchste Zeit für Selbstkritik und gibt „ein paar freundliche Hinweise, damit Europa in Bewegung kommt“.

Demütigungen von Vance haben einen wahren Kern

Die verbalen Attacken von US-Vizepräsident waren demütigend. Er sei es leid, die Europäer immer herauspauken zu müssen. Für die Autor hat dies einen unangenehmen Nebenumstand: sie haben einen wahren Kern. Wir sind im Zeitalter nackter Wahrheiten – vieles läuft ohne die Europäer. SO kommt Europa in die Gänge: Es formiert sich eine neue Geschlossenheit und Verantwortungsbereitschaft, die Sicherheit aus eigenen Kräften zu garantieren. Mangold warnt aber vor Selbstzufriedenheit und Selbstbegeisterung.

Für einen Platz in der Fünfer-Herrschaft muss Europa besser werden

Der Politologie Herfried Münkler skizierte für die multipolare Ordnung eine Pentarchie – eine Fünferherrschaft. Gesetzt sind USA, China und Indien – ob Russland und Europa dabei sind, ist für noch nicht ausgemacht. Europa muss sich mehr Selbstkritik zumuten. Zu oft wurden Kritiker als ewig gestrige Nationalisten abgetan. Anders als erhofft ist der Euro nicht zur Leitwährung geworden – sowohl beim Bruttoinlandsprodukt als auch beim Umtauschkurs hat Europa gegenüber den USA verloren.

Rückstand bei Bildung und Innovation  

Europa ist – von Ausnahmen abgesehen – auch bei der Spitzenforschung hintendran. Zwar denken amerikanischer Spitzenwissenschaftler durch die Trump-Rabauken ans Auswandern, dauerhaft muss man aber mehr anbieten, als die richtige Gesinnung. Dafür muss man den deutschen Exportschlager des Humboldtschen Bildungsideals als die Einheit von Forschung und Lehre zurück an seinen Ursprungsort holen.

Amerika innoviert, China imitiert und Europa reguliert

Für den Autor ist an der spöttischen Redewendung etwas dran, wonach Amerika innoviert, China imitiert und Europa reguliert. Dies zeigt sich am Beispiel KI: Wir haben zwar die weltbeste KI-Regulierung, nur leider keine KI in nennenswertem Umfang, die wir regulieren könnten! Die Platzhirsche aus dem Silicon Valley wurden zuletzt durch DeepSeek herausgefordert, ein chinesisches KI-Start-up. Da KI extrem energieintensiv ist, müssen auch die Kosten für Strom runter.
Junge Menschen mit unternehmerischer Eigeninitiative gehen auch eher in die USA, weil sie dort weniger Hindernisse sehen - Europa hat ein Braindrain-Problem.

Wertvollste Unternehmen in USA und China

Sieht man vom französischen Luxusgüterkonzern LVMH und SAP ab, gibt es kaum wertvolle Unternehmen in Europa. Die wertvollsten Unternehmen sind auch jung – Spotify wurde zwar in Stockholm gegründet, ging aber in New York an die Börse.
Bei der Produktion von Chips, E-Autos und Batterien geht der Trend in Richtung USA – oder in Aktion ausgedrückt - Wer jetzt Tesla-Aktien verkauft, wird nicht in Volkswagen umschichten, sondern in BYD und Xiaomi.

Schulden allein garantieren kein Wachstum

Die europäischen Staaten und allen voran Deutschland machen Schulden, damit sie sich die Aufrüstung und Investitionen leisten können. Dies ist ein Zeichen von Handlungsfähigkeit, aber auch ein Alarmzeichen, wenn die Politik nur noch durch Schulen handlungsfähig bleibt. Geld muss aber sinnvoll ausgegeben werden, so zweifelt der Autor den wirtschaftlichen Nutzens des Wiederaufbaufonds nach der Corona-Krise

Amerikaner versuchen Ausgaben zu kürzen

Die Amerikaner haben 36 Billionen Schulden und geben mehr für Zinsen aus als für Verteidigung. Auch wenn der aktuelle Versuch wie ein verrücktes Himmelfahrtskommando aussieht, versuchen die USA die Ausgabenseite zu kürzen und Bürokratie abzubauen.

Europäer brauchen mehr Dynamik

Großbritannien ist eines der Länder, die die Ukraine unterstützen. Sie finden zurück zu Europa, das ist aber gerade keine Reintegration in das System Brüssel. Der Autor fordert deshalb: Nutzen wir also dieses historische Momentum, um durch ehrliche Selbstkritik wieder beweglicher zu werden. Wir haben mehr Dynamik sehr nötig.

Donnerstag, 6. März 2025

Kann die EU die Ukraine alleine retten?

Nach dem Ukraines Präsident Selenskyj von Donald Trump rüde abgewiesen wurde, stellt die ZEIT die Frage, ob die EU alleine die Ukraine retten kann. Heinrich Wefing sagt ja, denn wir es nicht versuchen, riskieren wir unsere eigene Sicherheit. Nein sagt Martin Machowecz, wir müssen uns auf unsere eigene Verteidigung konzentrieren.

Wir müssen es versuchen

Heinrich Wefing argumentiert, dass es Deutschland gemeinsam mit seinen Verbündeten in Europa versuchen muss – für die eigene Sicherheit. 

Mehr Menschen und mehr Wirtschaftskraft als Russland

Putins Angriff und Trumps Ausfall haben die Europäer geschockt – und zusammengeschweißt. Sie haben sich auf ein gigantisches Paket geeinigt und versprechen Truppen zu stellen. Europa ist nicht machtlos: 500 Millionen EU-Bürgern stehen 140 Millionen Russen gegenüber. Die Wirtschaftsleistung des Halbkontinents ist fast zehnmal größer als die Russlands.

Unsicherer Erfolg, aber keine andere Option

Der Erfolg ist nicht sicher, aber es gibt keine anderen Optionen: Die Europäer werden nicht alles ersetzen können, vor allem bei der Luftverteidigung. Von den Ukrainern kann man das Improvisieren lernen. Zu Beginn haben sie mit Drohnen aus dem Baumarkt operiert, jetzt haben sie eine der effizientesten Drohnen-Armeen der Welt. Die ukrainischen Truppen erkämpfen uns Zeit, um kriegsfähig zu werden. Wer jetzt die Ukraine preisgibt, kapituliert vor Putin und vor Trump – es wäre ein politisches und moralisches Debakel für Europa. Millionen Menschen würden sich auf den Weg in den Westen machen – und kampferprobte russische Truppen stünden an der Grenze zu Polen.

Deutschland und Europa müssen sich auf ihre eigene Verteidigung konzentrieren.

Martin Machowecz argumentiert, dass Europa ohne die USA nicht retten kann. Wir müssen erst die Bundeswehr und ganz Europa aufrüsten-
Diese Antwort fällt ihm schwer, da er die Ukraine den Russen nicht zum Fraß vorwerfen will. Es muss in erster Linie sein Militär stärken. Die Waffenlieferungen ohne direkte Beteiligung haben geholfen, Russland lange nicht gewinnen zu lassen. Doch ohne die Amerikaner wird es immer schwerer. Die Amerikaner haben mit 64 Milliarden Euro mehr unterstützt als die Europäer zusammen – außerdem drohen sie mit dem Austritt aus der NATO 

Gleichzeitig aufrüsten und Ukraine unterstützen funktioniert nicht 

Für den Autor widersprechen sich zwei Ziele: Einerseits dafür zu sorgen, dass auch in 20 Jahre noch ein liberales Europa existiert, andererseits, der Ukraine maximale Geländegewinne zu ermöglichen.
Sein Vorschlag: Deutschland und Europa rüsten auf, um militärisch stark zu werden. Gleichzeitig sollte schnellstmöglich ein bestmöglicher Friedensschluss für die Ukraine gefunden werden.
Es dauert einige Jahre, die Bundeswehr zu ertüchtigen, dies würde die Russen und die Amerikaner beeindrucken. Die letzten funktionsfähigen Leopard-Panzer in die Ukraine zu bringen könnte die Angst verstärkt, in den Krieg hineingezogen zu werden.
Die Folgerung für den Autor: Sosehr es die Ukraine verdient hätte, es ist zu befürchten: Deutschland und Europa können sie allein nicht retten.